MOBILITÄT, UMWELT
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Elektrofahrzeuge – Wunderwaffe gegen den Klimawandel?

Es scheint fast so, als sei der Besitz eines Elektrofahrzeugs eine Wunderwaffe im Kampf gegen den Klimawandel. Das ist aber tatsächlich nicht der Fall. Worauf wir uns auch konzentrieren sollten, ist die Frage, ob überhaupt jemand ein Privatfahrzeug benutzen sollte.

Die Antwort mag zwar unbefriedigend sein. Doch genau dorthin scheinen die jüngsten Forschungen zu führen.

Elektrofahrzeuge (BEVs), wie beispielsweise das Tesla-Modell 3, haben keine Auspuffemissionen. Aber sie haben höhere Produktions- und Herstellungsemissionen als konventionelle Fahrzeuge und werden oft mit Strom betrieben, der aus fossilen Brennstoffen stammt.

Hunderte von Millionen neuer Autos

Um extreme und irreversible Auswirkungen auf Ökosysteme, Gemeinschaften und die gesamte Weltwirtschaft zu vermeiden, müssen wir den Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen bis zum Jahr 2100 auf weniger als 2°C (und idealerweise 1,5°C) über dem vorindustriellen Niveau halten.

Was geht dem Umsetzen von Klimaschutzzielen voraus? Zunächst werden die Budgets für Treibhausgasemissionen mit Hilfe von Energie- und Klimamodellen für jeden Wirtschaftssektor und für jedes Land geschätzt. Dann werden künftige Emissionen unter Berücksichtigung alternativer Technologien sowie künftiger potenzieller wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen geschätzt.

Betrachten wir beispielsweise die Personenwagenflotte der USA, einem Land, das einen riesengroßen Anteil am Ausstoß der CO2-Emissionen hat. Diese beläuft sich auf etwa 260 Millionen Fahrzeuge. Könnten die Treibhausgasemissionen des Sektors mit den Klimazielen in Einklang gebracht werden, indem benzinbetriebene Fahrzeuge durch Elektrofahrzeuge ersetzt werden?

Geht man davon aus, dass sich das Reiseverhalten nicht ändert und dass 80 Prozent des Stroms dekarbonisiert werden, könnte die Erreichung eines 2°C-Ziels bis 2050 bis zu 300 Millionen Elektrofahrzeuge oder 90 Prozent der geplanten US-Flotte erfordern. Das würde voraussetzen, dass alle neu gekauften Fahrzeuge ab 2035 elektrisch betrieben werden.

Zum Vergleich: Derzeit gibt es in den USA 880.000 Elektroautos, das sind 0,3 Prozent der Flotte. Selbst die optimistischsten Prognosen der Internationalen Energieagentur deuten darauf hin, dass die US-Flotte bis 2050 nur zu etwa 50 Prozent elektrisch betrieben werden wird.

Massive und schnelle Elektrifizierung

Dennoch mögen 90 Prozent theoretisch möglich sein. Doch ist das wirklich wünschenswert?

Um dieses Ziel zu erreichen, müssten wir sehr schnell alle Herausforderungen überwinden, die mit der Einführung von BEVs verbunden sind, wie z.B. die Angst vor der Reichweite, die höheren Anschaffungskosten und die Verfügbarkeit der Ladeinfrastruktur.

Eine rasche Elektrifizierung würde vermutlich Probleme mit vielen kritischen Materialien für die Batterien, wie Lithium, Mangan und Kobalt, bringen. Sie würde eine riesige Kapazität an erneuerbaren Energiequellen und Übertragungsleitungen, eine weit verbreitete Ladeinfrastruktur, eine Koordination zwischen zwei historisch unterschiedlichen Sektoren (Elektrizität und Transportsysteme) und rasche Innovationen bei den elektrischen Batterietechnologien erfordern. Wie wahrscheinlich ist das?

Sollen wir also aufgeben, unser kollektives Schicksal akzeptieren und unsere Bemühungen um die Elektrifizierung einstellen? Oder sollten wir unsere Prioritäten noch einmal überdenken und es wagen, eine noch kritischere Frage zu stellen: Brauchen wir so viele Fahrzeuge auf der Straße?

Busse, Züge und Fahrräder

Vereinfacht gesagt gibt es drei Möglichkeiten, die Treibhausgasemissionen im Personenverkehr zu reduzieren: Reisen vermeiden, die Verkehrsmittel verlagern oder die Technologien verbessern. Mit BEVs wird nur eine Seite des Problems angegangen, nämlich die technologische.

Und obwohl BEVs die Emissionen im Vergleich zu konventionellen Fahrzeugen verringern, sollten wir sie mit Bussen, Zügen und Fahrrädern vergleichen. Wenn wir das tun, verschwindet ihr Potenzial zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen aufgrund ihrer Lebenszyklusemissionen und der begrenzten Anzahl von Personen, die sie auf einmal befördern.

Wenn wir unsere Klimaprobleme wirklich lösen wollen, müssen wir BEVs zusammen mit anderen Maßnahmen wie dem öffentlichen Nahverkehr und der aktiven Mobilität einsetzen. So ist es wichtig, dass die Regierungen massiv in den öffentlichen Nahverkehr sowie in die Fahrrad- und Fußgängerinfrastruktur investieren, um sie größer, sicherer und zuverlässiger zu machen. Und wir müssen unsere Transportbedürfnisse und -prioritäten neu bewerten.

Der Weg zur Dekarbonisierung ist lang und kurvenreich. Aber wenn wir bereit sind, aus unseren Autos auszusteigen und eine „Abkürzung durch den Wald zu nehmen“, könnten wir viel schneller dorthin gelangen.

theconversation.com

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