MOBILITÄT
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Mobilität und Verkehr – ganz anders

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Die Mobilität der Zukunft bringt Revolutionen im Kleinen: Wir werden technikbasiert und vor allem vernetzt fahren. Das Auto als Statussymbol wird schon jetzt immer weniger wichtig.

Fliegende Autos, Kabinenbahnen, Amphibienfahrzeuge – noch in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts glaubte man, dass Mobilität im 21. Jahrhundert so aussehen könnte. Heute weiß man: Die Zukunft fährt viel banaler und mit Technologien, die zum Teil seit langem bewährt sind.

„Fortbewegung wird in Zukunft insgesamt sehr technikbasiert sein“, sagt Georg Hauger, Verkehrssystemplaner an der TU Wien. Verkehrs- und Parkleitsysteme sowie automatische Routenführung sollen für rasches Vorankommen sorgen. Weniger Staus und besser genutzte Grünphasen an den Ampeln sollen die Effizienz erhöhen und die Umwelt entlasten. Denn eines ist sicher: So schnell werden wir uns nicht vom Auto als individuelles Fortbewegungsmittel verabschieden. Aber die Art der Nutzung wird sich ändern, sagen Experten unisono.

Mobilität: Ein Auto für viele

CarSharing

Carsharing als Mobilität der Zukunft.

Schon heute gilt das Auto bei vielen, vor allem jungen Menschen, nicht mehr als Statussymbol. Immer mehr Städter verzichten gleich ganz auf einen eigenen Wagen, aber dank Carsharing nicht aufs Autofahren. Leihwagen können per Minutenmiete genutzt und dann einfach am nächsten Parkplatz abgestellt werden. Die Beliebtheit von Carsharing hängt eng mit der Verbreitung von Smartphones zusammen, erklärt Hauger: „Wir predigen seit 20 Jahren, dass Carsharing sinnvoll ist. Jetzt setzt es sich durch, weil viele ein Smartphone haben und per App ein Leihauto buchen können.“

“So schnell werden wir uns nicht vom Auto verabschieden.”

Für Gelegenheitsfahrer sind Leihautos günstiger als ein eigener Pkw, und das Stadtbild profitiert ebenfalls davon. Laut Verkehrsclub Österreich ersetzt ein Leihwagen bis zu acht private Pkw; dadurch werden Parkflächen frei, die unter anderem als Grünraum genutzt werden können. In Wien will man in naher Zukunft drei Prozent der Einwohner (50.000 Personen) dazu bringen, Carsharing zu nutzen. Neben dem Wegfall tausender privater Fahrzeuge argumentiert man auch mit dem Umweltaspekt. In der Schweiz, wo Carsharing schon länger populär ist, stoße jeder Leihauto-Nutzer 290 Kilogramm CO2weniger aus als ein Privatauto-Fahrer, so die Begründung. Fahrten mit dem Leihauto werden geplanter gemacht, wodurch insgesamt weniger Kilometer zustande kommen.

Die geteilte Mobilität

Mobilität in Wien: Die gute alte Bim.

Mobilität in Wien: Die gute alte Bim.

Carsharing im herkömmlichen Sinn ist eher ein Modell für den urbanen Raum. Am Land wird es andere Formen der geteilten Mobilität geben, glaubt Hauger. „Wir arbeiten gerade an einem Projekt, bei dem über soziale Netzwerke Mobilitätsdienstleistungen angeboten werden. Wenn jemand jeden Morgen zum Bahnhof fährt, kann er auch gleich das Kind der Nachbarin mitnehmen.“ Diese Dienstleistung könne mit ehrenamtlicher Arbeit abgegolten werden – beispielsweise eine Nachhilfestunde gegen zehn Fahrten zum Bahnhof. Spontanität ist bei diesem Modell nicht vorgesehen.

“Die Stadt fällt in die Knie vor den Autofahrern, und die Straßenbahn schlägt sich dadurch weit unter ihrem Wert. ”

Am Land ist der Verzicht auf ein eigenes Auto jedoch auch in Zukunft eine eher schwierige Sache. Grund: Viele Orte sind nur sehr dürftig an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden. Hierzulande hat zwar auch schon teilweise ein Umdenken in der früheren „Zusperr-Politik“ scheinbar unrentabler Lokallinien stattgefunden. Die Übernahme der Pinzgauer Lokalbahn durch das Land Salzburg ist so ein Beispiel.

Rennaissance der Straßenbahn in Frankreich.

Rennaissance der Straßenbahn in Frankreich.

Insgesamt hat Österreich diesbezüglich jedoch den Anschluss verpasst und zuckelt hinter Ländern wie Deutschland oder Frankreich hinterher, wo Regionalbahnen wieder im Aufbau sind. Einen besonderen Weg hat Karlsruhe gewählt, erläutert der Stadtentwickler Harald Jahn: „Die Straßenbahn fährt weit aufs Land hinaus und nutzt dafür die Gleise der Bundesbahnen.“Die Fahrgäste nehmen das Angebot dankend an – die Nutzung der Straßenbahn hat um bis zu 3.000 Prozent zugenommen.

Renaissance der Straßenbahn

Die Straßenbahn erlebt überhaupt in vielen Ländern eine wahre Renaissance, allen voran in Frankreich. Dort setzen zirka 30 Städte auf die altbewährte Bim, die – anders als in Österreich – in schnittigem Design daherkommt und durch Schnelligkeit punktet. Die Straßenbahnen haben Vorrang vor den Autos und fahren meist von Station zu Station durch, in Wien undenkbar. „Die Stadt fällt in die Knie vor den Autofahrern, und die Straßenbahn schlägt sich dadurch weit unter ihrem Wert“, bedauert Jahn.

Die Bim befriedigt aber nicht nur ein Verkehrsbedürfnis. Auch das Stadtbild ändere sich, wenn die Straßen neu aufgeteilt, die Autofahrerspuren und Parkflächen reduziert und mehr Grünflächen geschaffen werden, sagt Jahn. In Straßburg, das sein Straßenbahnnetz seit 1995 massiv ausgebaut hat, ist der Verkehrslärm deutlich zurückgegangen.

Mobilität und vernetzte Verkehrsmittel

Die Anzahl der Radfahrer wird in Zukunft noch steigen.

Die Anzahl der Radfahrer wird in Zukunft noch steigen.

Aber nicht nur Pünktlichkeit und Schnelligkeit machen in Zukunft die Attraktivität von  öffentlichen Verkehrsmitteln aus. Das Schlagwort heißt Vernetzung. Der mobile Mensch von morgen nutzt mehrere Verkehrsmittel nacheinander. Auch dieses Konzept ist in anderen Ländern schon deutlich besser etabliert als in Österreich. „In Frankreich werden die Leihfahrradsysteme stark ausgebaut. Bei vielen Bim-Stationen stehen beispielsweise entlehnbare Fahrräder.“

Auch Verkehrsexperte Hauger sieht im Fahrradfahren – insbesondere mit Elektroantrieb – großes Potenzial für die Zukunft: „Derzeit halten wir in Wien bei fünf bis sechs Prozent Radfahreranteil. In den nächsten Jahren sind sicher 15 bis 20 Prozent möglich.“ Neben Radlern wird man auch mehr Fußgänger sehen, ist Hauger überzeugt.

Mag. Lisbeth Klein für LIFECHANGE.AT

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