GESUNDHEIT
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Die Allergenverordnung – oder das Schnitzel aus der Steckdose

Goran-Bogicevic_shutterstoc

Warum wir immer weniger Bezug zur Herkunft unserer Lebensmittel haben und künftig auch die Wurstsemmel zur Wissenschaft wird.

Ich bin ratlos. Ich stehe vor einer Kiste mit Fleischteilen. Ein lieber Arbeitskollege hat Stücke von einem erlegten und zerlegten Hirsch bekommen. Und da er a) selbst nicht so viel essen kann und b) keinen Platz mehr in der Kühltruhe hat, soll ich mir ein paar Teile davon nehmen. „Such dir aus, was du gerne willst“ hat er dabei gesagt. Nett, aber was sind das für Teile und wie zum Henker soll ich sie zubereiten? Jetzt bin ich des Kochens einigermaßen mächtig, aber diese Situation überfordert mich. Da ich meinen Arbeitskollegen weder beleidigen noch auf ein gutes Stück Wild verzichten will, greife ich wahllos auf ein Teil, das Schnitzel – oder Gulasch? – werden könnte und auf etwas mit gebogenen Rippen und etwas Wabbligen dran, was nach einem Stück Leber oder so aussieht. Ich teile also das Ausgesuchte in Portionen und gebe sie in den Tiefkühlschrank. Und dort werden sie wohl so lange liegen bleiben, bis der Tiefkühler wieder mal abgetaut wird und sie als „nicht zuordenbar“ oder „wer weiß, ob das noch gut ist“ der allgemeinen Entsorgung zum Opfer fallen werden.

Die Allergenverordnung und Ihr Wochenendeinkauf

Auch Fische fallen unter die Allergenverordnung.

Auch Fische fallen unter die Allergenverordnung.

Einige Tage später schlendere ich durch den Supermarkt meines Vertrauens. An der Fleischtheke angelangt, denke ich an meinen mittlerweilen erstarrten Hirschen zurück. Und da wird mir klar, dass ich mir ohne Beratung oder Verpackungsbeschriftung schwer täte, ein geschnittenes Stück Rostbraten vom Beiried oder den Tafelspitz vom Hüferscherzel zu unterscheiden. Und wo die Teile sich am Rind befinden, schon gar nicht. Und ob es von einem Stier oder einer Kalbin ist, fällt schon unter höhere Wissenschaft. Haben wir es also tatsächlich geschafft, unsere Lebensmittel als anonyme Fertigteile zu sehen? Ist die Produktion der Lebensmittel so weit vom Konsumenten entfernt, dass wir keine Ahnung mehr haben, wo sie herkommen oder erzeugt werden und keinen Bezug mehr dazu haben?

Oder könnten Sie sich vorstellen, selbst ein Huhn zu schlachten, es auszunehmen und zu rupfen? Vermutlich nicht. Aber wir verdrängen auf der anderen Seite auch die Bilder und die Tatsache der weitgehend industriellen Verarbeitung unserer Lebensmittel. Beide Gedanken wollen wir nicht in unseren Köpfen haben – aber genau das raubt uns den Bezug, das Wissen und das Verständnis um unsere Produkte. Oder wie wir auch der Einfachheit halber sagen, um den Kopf in den Sand zu stecken: „Der Strom kommt eh aus der Steckdose“. Aber keine Angst, die Rettung naht in Form der Allergenverordnung.

Die Allergenverordnung als Rettungsanker?

Durch die Allergenverordnung wird selbst Fleisch zur Wissenschaft.

Durch die Allergenverordnung wird selbst Fleisch zur Wissenschaft.

Damit wir nicht mehr darüber nachdenken müssen, was in unseren Lebensmitteln steckt oder wie sie erzeugt werden, wird es zu unserem Schutz und Nutzen nun überall angeschrieben. Finde ich sehr praktisch. Als ich mir unlängst im Kaffeehaus ein Frühstück gönnte, bekam ich mittels Speisekarte die Information, dass in meinem Omelette auch Eier enthalten sind. Schmeckte trotzdem…

Aber auch für die berühmte Wurstsemmel naht die Rettung. Denn im Jausensackerl verkaufte Wurstsemmerln zieren eine lange Liste der Inhaltsstoffe so einer Semmel und des inneren Wurstbelages. Die Liste wird unsäglich länger, wenn zur Extrawurst auch noch Gurkerl und Käse dazu kommen. Wenn Sie also Ihren kleinen Hunger stillen wollen, nicht lesen und gleich essen – erstens dauert es zu lange und zweitens wird Ihnen vielleicht der Appetit vergehen, wenn alles angeführt wird, was lt. Allergenverordnung drauf stehen muss. llergenerordnung

Erziehung durch Allergenverordnung

Zu hoffen ist, dass die Kennzeichnungsflut einen Umdenkprozess einleitet. Denn wenn sich Lebensmittel und Speisen aufgrund ihrer langen und missverständlichen Inhaltsstoffe schlechter verkaufen, wird auch die Industrie reagieren müssen. Die Entscheidung treffen wir. So habe ich mich schon selbst ertappt, dass ich auf der Speisekarte eher zu Gerichten gegriffen habe, wo die Allergenliste nicht gar so lange war. Und wenn eine Speisekarte auch noch verraten würde, ob es sich um frische Lebensmittel oder tiefgefrorene oder Fertigware aus der Dose handelt, wäre mir als Konsument für meine Entscheidung wirklich geholfen. Und vielleicht machen wir uns dann auch wieder mehr Gedanken darüber, warum eigentlich all diese Sachen in einer simplen Wurstsemmel verarbeitet sind und entwickeln wieder etwas mehr Neugier auf Produktionsmethoden und Herkunft.

Zu hoffen bleibt allerdings auch, dass wir uns damit nicht entmündigen lassen und unsere Eigenverantwortung auf der Strecke bleibt. Denn dass man sich am Kern eines Pfirsichs einen Zahn ausbeißen kann, sollte künftig nicht als Warnhinweis angeführt sein müssen…

Auf Spurensuche

Besuchen Sie doch wieder mal einen Bauernmarkt, fahren Sie zu einem Direkterzeuger oder pflanzen Sie Beeren, Obst, Gemüse, Kräuter selbst an. Auch auf wenig Wohnplatz und ohne Garten kann man sich in Kistchen ein wenig „Eigenversorgung“ ins Haus holen. Greifen Sie Lebensmittel wie beispielsweise Fisch oder Fleisch bewusst und ohne Scheu an. Suchen Sie das Ursprüngliche und Unverfälschte und vor allem: Genießen Sie!

Mag. Thomas Schlatte für LIFECHANGE.AT

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